Tales From The Cryptic - Guy Klucevsek

Rezensionen

Das Label über die CD
Ein Duo von Akkordeon und Sopransaxophon könnte eine ziemlich dröge Sache sein. Allerdings nicht, wenn sich zwei hochkarätige Musiker und Komponisten zusammentun wie Guy Klucevsek und Phillip Johnston, um Rätselhaftes zu erzählen. Beide Musiker sind in dieser Hinsicht einschlägig vorbelastet.
Guy Klucevsek (Jahrgang 1947) kann wegen seiner verschmitzten Herangehensweise an Musik getrost der “Schweijk des Akkordeons” genannt werden. Sein Akkordeonspiel atmet mit liebevollem Sarkasmus die ganze kleinbürgerliche Geschichte dieses Instruments aus. Klischees werden bedient und gnadenlos aufgebrochen und dekonstruiert, bis sie nur mehr als Lochmaske wirken. Und auf der Rückseite erscheinen die komplexesten Neukonstruktionen, die man sich vorstellen kann. Krumme Metren mit einer Leichtigkeit gespielt, die einen verzweifelt nach den Webfehlern Ausschau halten lässt. Fliegendes Gemüse der Apokalypse — so ein Titel seiner frühen CDs. Seit Mitte der 80er Jahre hat Guy Klucevsek zusammen gearbeitet mit Musikern wie Bill Frisell, John Zorn, Laurie Anderson und mit Burt Bacharach ebenso wie mit Anthony Braxton. 1987 gab er bei Komponisten wie Fred Frith, Elliott Sharp, Christian Marclay und übrigens auch — Phillip Johnston 32 postmoderne “Polkas From The Fringe” in Auftrag. 1996 bildete Klucevsek mit den europäischen Akkordeonisten Bratko Bibic, Otto Lechner, Lars Hollmer und Maria Kalaniemi den Accordion Tribe. Weitere Höhepunkte sind seine Einspielungen mit Dave Douglas (Charms Of The Night Sky, Winter & Winter) und mit dem Akkordeonisten Alan Bern (Accordance, Winter&Winter).

Großen Raum nahm in den letzten 10 Jahren seine Arbeit für Tanz- und Theatercompagnien ein. Gleich seine erste Arbeit (”Hey” 1993 für David Dorfman) trug ihm 1995 den begehrten New York Dance & Performance Award BESSIE ein, 2002 bekam er für das Puppentheaterstück “The Heart Of The Andes” einen weiteren. Sämtliche sechs Kompositionen von Guy Klucevsek auf “Tales From The Cryptic” stammen denn auch aus Theaterproduktionen, allein fünf aus “Cirque Lili”, dem Soloprogramm des genialen französischen Jongleurs Jérôme Thomas, der mit fliegenden Gegenständen ganze Geschichten erzählen kann. Cirque Lili führte ihn nach Ausflügen ins Gestische Theater zurück auf die Zirkusbühne. Er hat mit unendlich viel Liebe den alten Wanderzirkus wiedergeboren, um ein wenig über diese Kultur zu lächeln. Ein poetisches und virtuoses Wiederauffinden, aber keine Rückkehr in die Vergangenheit. Kongenial dazu die Musik von Guy Klucevsek, die im eigens entwickelten hölzernen Zirkuszelt aufgeführt wurde von Jean-François Baëz, Akkordeon, und Jean-Charles Richard, Saxophon. Nun liegen die Versionen des Komponisten selbst vor, eingespielt im Duo mit Phillip Johnston am Saxophon. Die beiden kennen sich seit sie in den 80er Jahren die Sängerin Nora York begleiteten.

Guy Klucevsek erzählt: “Phillip und ich haben vor vielen Jahren mal zusammen gespielt und zwischendurch nur ein paar zu kurze aber erfreuliche Kontakte gehabt. Ich bin schon seit langer Zeit ein Anhänger der Duoformation. Ich mag das direkte Geben und Nehmen. Besonders gern arbeite ich mit anderen Komponisten zusammen, weil dabei beide kreativen Input geben über die Improvisation hinaus. Ich habe das erstmals mit Alan Bern gemacht und mochte das so gerne, dass ich beschloss es mit einem weiteren Musiker zu machen. Ich fand, dass es an der Zeit war die musikalische Freundschaft zu Phillip Johnston zu erneuern und war erfreut als er einwilligte.”

Phillip Johnston (Jahrgang 1955) gründete 1981 eine der - wie es hieß - berühmtesten unbekannten Bands in downton New York, das Microscopic Septet, für das er die Hälfte des Repertoires schrieb (die andere schrieb John Forrester). Die alte Knitting Factory wurde zur Heimat der Band. Weitere Stationen für Johnston waren seine Bands Big Trouble und das Unknown & Transparent Quartet, (beide berühmt für die Dekonstruktionen der Musik etwa von Raymond Scott, Billy Strayhorn und Herbie Nichols), Musik für diverse Filme (u.a. für Doris Dörries Film Geld) sowie in den letzten 2 Jahren das Captain Beefheart Project Fast ‚N Bulbous mit dem Gitarristen Gary Lucas. “Ich mag”, sagt Guy Klucevsek, “dass Phillip’s Musik so ganz anders ist als meine — während meine Einflüsse aus der klassischen Moderne, postmodernen Traditionen und Musiken aus aller Welt kommen (Bartok, Satie, Stravinsky, Shostakovich, Ligeti, Cage, Feldman; Reich, Riley, Glass), deckt Phillip’s Musik (nach meinen Ohren) den ganzen Bereich der lebendigen Geschichte von Jazz und Populärer Musik ab. Aber was uns verbindet ist , denke ich, die Liebe zum Kontrapunkt, zum Verbiegen von Genres, bestimmte formale Elemente, Spielfreude und ein Sinn für Humor, der sich sowohl in der Musik als auch in den Titeln der Stücke zeigt.” Schon der Titel der CD Tales From The Cryptic zeugt von ihrer Art Humor, ebenso entsprechen manche Wortspiele (”Tulips are better than one”) exakt ihrem musikalischen Witz. Die einzigen Fremdkompositionen der CD stammen von Erik Satie (sein frühes Klavierstück “Petite Ouverture à Danser” von 1897, das erst 1968 posthum veröffentlicht wurde), dem Klucevsek anschließend noch eine Birne schenkt in Anspielung an Satie’s Trois Morceaux en forme de Poire (1903), Franz Schubert (der Leierkastenmann aus der Winterreise) und Johann Strauß (An der schönen blauen Donau, die Guy Klucevsek mit Hilfe seines 1982 verstorbenen japanischen Freundes Teiji Ito zum blauen Fenster hinaus dekomponiert hat). Schon diese Auswahl von Komponisten bezeichnet den Hintersinn der beiden für Popularität und Schlichtheit.

Eine Musik mit Schalk im Nacken. Bodenständige Avantgarde. Vorsicht: Mehrfacher Genuss führt — bei aller Komplexität - unweigerlich zu Ohrwürmern.

Aufgenommen wurden die Tales From The Cryptic am Vorabend ihres Auftritts beim Festival Musiques de Nuit in Bordeaux im September 2002.

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Autor: Thomas
Datum: Donnerstag, 7. Mai 2009 22:09
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